1996-2005: Die ersten 10 Jahre der indisch-elektronischen Musik…
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Author: ElJay Arem
RJ ElJay “on air” – Premieresendung (05/01/2010)
(IE-m/HH -06012010) – So wie das neue Jahrzehnt mit der Premiere einer Live-Sendung und einem neuen Formates auf Tide 96.0 beginnt, wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein gesegnetes und glückliches Neues Jahr 2010.
Mein Gruss richtet sich auch an meiner Höre von IMC – India meets Classic, einer monatlichen Radiosendung, die ich seit März 2006 produziere und die auch bei TIDE, jeweils am 3. Dienstag um 21:00 Uhr ausgestrahlt wird. Es wird einige überraschen, dass die Klassische Musk Nord- und Südindiens einen massgebliche Einfluss auf die indisch-elektronische Musik hatte und hat.
Mit Tide 96.0 senden wir über Hamburg’s Stadtgrenzen hinaus nicht nur via Kabel und Antenne, seit 2007 können uns die Hörer weltweit als Internet-Radio empfangen.
Zum Thema: 1996-2005 – Die ersten 10 Jahre der indisch-elektronischen Musik…
Indisch elektronische Musik ist in Deutschland abseits des Bollywood-Hypes noch sehr wenig bekannt. Mit der Premieresendung von Indian E-music am 5. Januar 2010 habe ich mir darum überlegt, einen musikalischen Streifzug durch das 1ste Jahrzehnt, den Anfängen der indisch-elektronischen Musik zu präsentieren.
Ist ein solches Datum überhaupt fassbar, wenn man an die Anfänge der elektronischen Musik denkt ? – Rymond Scott, ein amerikanischer Komponist darf vielleicht als der Gottvater dieses Genres bezeichnet werden. Die Bilder seiner monströsen Maschinen, die er für Soundtracks zu den Klassikern der Hollywood-Zeichentrickserien verwendete, wie Bugs Bunny oder Porky Pig, sind beeindruckend. 1962 komponierte Scott einen 20-sekündigen Jingel mit elektronischer Musik. Indien war zu dieser Zeit als junge Demokratie mit anderen Aufgaben beschäftigt.
Konkret kann man als Jahreszahl für den Beginn der indisch elektronischen Musik 1996/1997 festhalten. Bereits Ende der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre gab es eine Anzahl von Musikern und Komponisten indischer Abstammung. Zu Ihnen darf Talvin Singh gezählt werden; er veröffentlichte 1997 ein Compilationalbum: Anokha – Soundz of the Asian Underground. Asian Underground ein Mix verschiedenster Kulturen. Dieser Begriff hat sich als die Quelle der indisch-elektronischen Musik etablieren können.
Singh wuchs wie viele Kinder der aus Indien emigrierten in England Leytonstone auf, er lernte Tabla, hörte aber auch Punk-Rock. Dieser Musiker, Komponist und Produzent entschied sich bereits Ende der 80er Jahre, die verschiedensten Klangbilder zu fusionieren. Talvin Singh arbeitete mit Madonna, Sun Ra, Björk und auch neo-psychodelischen Bands wie Stress zusammen.
Das Schlüsseljahr war 1995, als Talvin Singh zusammen mit der Promoterin Sweety Kapoor den Anokha Nachtclub gründete, um dort südasiatischen Punkbands und Drum’n'Bass DJs auftreten zu lassen, die er auf seiner Tabla und mit Percussions begleitete.
Mit Talvin Singh, einer der Schlüsselfiguren und Wegbereiter für die Ausprägung der elektronischen Musik erfahren wir bereits die typische Klangcharaktere. Tabla-Rhythmen, mit schweren Bass-Beats und dem schwebenden indischen Gesang. In der indischen Klassik ist die Stimme das führende Instrument. Alle weiteren Instrumente, wie die im Westen bekannte Sitar, die Sarode, der hackbrettähnliche Santoor dienen einzig und allein dazu, die menschliche Stimme zu imitieren.
Es haben eine Vielzahl der herausragenden indischen Musikmaestros aus der Klassik den Weg in die indisch-elektronische Musik gefunden. Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde ein für die indisch-elektronische Musik bedeutendes Projekt realisiert: The Ananda Shankar Experience and State of Bengal, mit dem bengalischen Musiker und Sitaristen Ananda Shankar, zusammen mit dem britischen DJ und Produzenten Saifullah Sam Zaman.
Ananda war Neffe des berühmten Sitarmaestros Ravi Shankars und spielte in den späten 60ern mit Musikern wie Jimi Hendrix. Siafulla Sam Zaman ist besser bekannt als State of Bengal. SOB ist mit der Asian-Underground-Bewegung aufs Engste verknüpft. Er wurde in Bangladesch geboren, wuchs aber in London auf.
Die kurz nach dem Tod von Ananda Shankar veröffentlichte CD “Walking on” mit dem Livemitschnitt “Streets of Calcutta” erinnert ein wenig an die 70er Jahre, und könnte auch aus der amerikanischen TV-Serie “Die Straßen von San Francisco” mit Michael Douglas und Karl Malden in den Hauptrollen stammen.
In unserem musikalischen Streifzug überspringen wir die Datumsgrenze von dem 20. in’s 21. Jahrhundert. Wir schreiben das Jahr 2000 als eine britische Elektro-Band die Dancehalls stürmt.
Bereits 1993 gründeten sich Asian Dub Foundation aus einer Serie von Sommerworkshops, um Kinder südasiatischer Herkunft in Musik zu unterrichten. Der Hintergrund von Asian Dub Foundation ist mit dem damals 14-jährigen Deeder Zaman aus dem indischen Bengal eindeutig die Rapper-Szene.
Wie der Name Asian Dub Foundation bereits vermuten lässt, kommen hinzu Stilelemente aus dem Reggae, der Raggamuffin-Musik, die elektronisch gesampelt ist und dem Dub, einer weiteren Subkultur des Reggae, in der instrumentell remixt wird.
Interessant an dieser Band finde ich besonders die politischen Aussagen in ihrer Musik, wie sie mit dem Titel “Commited to Life” auf der CD Community Music aus dem Jahre 2000 zum Ausdruck kommt.
2002 für den Order of the British Empire für die Verdienste in der Musikindustrie vorgeschlagen, lehnten Asian Dub Foundation diese Auszeichnung ab. Pandit G, einer der Mitglieder äusserte sich darüber, dass man sich völlig missverstanden fühle und dass diese Auszeichnung nur eins bewirke, dass man zu der Zugehörigkeit im Establishment gezwungen würde.
Wie sieht unsere Zeitreise im nächsten Sprung aus ? – Nach 2000 folgt bereits in 2001 der nächste Wandel… neben den Einflüssen des Reggae holen die 90er Jahre die indischen Musiker, Produzenten und DJs ein. Der Trip-Hop ist ein Genre, das als Bristol Sound bekannt wurde und sich aus der HipHop und House Szene Englands Mitte der 90er Jahre entwickelte.
HipHop und elektronische Musik verschmelzen, ein eher experimentelles Genre, das einige neue Elemente für den Dancefloor bereithält. Als der typische Vertreter gilt Massive Attack mit seinem Debutalbum Blue Lines (1991). Einflüsse des Rock sind hörbar.
Das Duo Badmarsh & Shri realisierten 2001 unter Einflüssen des Trip-Hop ihr zweites Album Signs. Shri – sein vollständiger Name ist Shrikanth Sriram – verbrachte zuvor ein halbes Jahrzehnt auf der Strasse; tourte er mit dem britisch-indischen Musiker Nitin Sawhney über fünf Jahre durch die Clubs. Badmarsh arbeitete in dem Reggae Studio Easy Street.
Dass sich Musiker mit indischer Herkunft trotz Dub und Trip-Hop treu bleiben, wenn auch traditionelle Einflüsse wie der Bangra aus der Punjab-Region weitestgehend verdrängt wurden, und man sich seiner ethnischen Herkunft nicht verleugnet, zeugt die Produktion “We are Three” der Band für elektronische Musik “Joi” (mit “i” geschrieben). Nach “One and One is One” im Jahre 1999 veröffentlichten Joi dieses Album 2002.
Die Formation Joi bestand ursprünglich aus den Gebrüdern Shamsher, Farook und Haroon. Ihr Vater besaß ein traditionelles Musikgeschäft und für Strassenverkäufe nahm er im Hinterzimmer Bänder auf. Einflüsse wie Reggae, HipHop, Soul und im Besonderen der pakistanische Sänger Nusrat Fateh Ali Khan, international bekannt geworden aus der Zusammenarbeit mit Peter Gabriel, sind die konstanten Einflussgrössen von Joi.
Farook Shamsher erhielt 2006 den UK Asian Music Award. Sein Bruder Haroon verstarb unerwartet kurz nach einer Rückkehr von Bangladesh, das er für die Vorbereitungen zu der Produktion ihres zweiten Albums besuchte.
Zu all diesen Gestaltern und Wegbereitern der indisch elektronischen Musik, Talvin Singh, State of Bengal, Barmarsh and Shri gesellt sich auch ein Ästhet höchsten Masses. Die Kompositionen von TJ Rehmi alias Ajav Rehmi sind geschliffene Diamanten, ästhetische Klangkunstwerke, die auch dadurch zustande kommen, dass TJ Rehmi als Gitarrist sich in einem melodiösen Spiel mit herausragenden Tablaspielern wie Trilok Gurtu verbindet. Trilok durfte ich letztes Jahr in meiner Sendung StudioTalk – India meets Classic vorstellen.
Unsere Zeitreise des ersten Jahrzehnts der indisch elektronischen Musik neigt sich dem Ende zu. Einer darf gewiss nicht fehlen: Nitin Sawhney. 1964 geboren, ist dieser indisch-britische Musiker, Produzent und Komponist eine bestimmende Grösse in der Aufnahme von Stilelementen aus dem Jazz, der asiatischer Musik, elektronischer Elemente bis hin zu Filmmusik. Er wurde auf dem Piano, der klassischen und Flamenco-Gitarre, Sitar und Tabla ausgebildet. Als Mitglied des James Taylor Quartets fand Sawhney Geschmack am Künstlerdasein und gründete mit Talvin Singh das Tihai Trio. Die eigentliche Solo-Karriere begann 1993 mit dem Debut Album Spint Dance. 2004 veröffentlichte dieser Tausendsassa zwei Remix Collections.
Die nächste Sendung Indian E-music… the right mix of Indian Vibes! gibt’s am 2. Februar um 21:00 Uhr auf Tide 96.0.



