Die Nationale Jukebox

Delivered... Christoph Fellmann | Scene | Wed 20 Jul 2011 7:01 am

Auf dem Internet ist seit kurzem eine Sammlung mit über 10 000 Musik- und Comedynummern von 1901 bis 1925 frei zugänglich. Sie erlaubt einen neuen Blick auf die Anfänge der amerikanischen Popkultur.

Es waren die ersten Stars, die man auch zu Hause in der Stube bewundern konnte, aber bis auf wenige Ausnahmen hat man sie vergessen. Die Musik von Stella Mayhew, Billy Murray oder Bert Williams lagerte in den Archiven der Plattenfirmen, weggeschlossen. Wenn nicht sogar weggesprengt wie im Falle von RCA, dem Musikkonzern, der Anfang der 60er-Jahre sein Lager in New Jersey gar nicht erst räumte, bevor er es pulverisierte. Die Trümmer wurden in den Delaware River geschaufelt, um darüber ein neues Pier zu bauen – und mit ihnen Tausende von Masteraufnahmen von Victor, einer Plattenfirma, die von 1901 bis 1929 existiert hatte.

Verloren war die Musik von Victor damit nicht. In Bibliotheken und privaten Sammlungen hat sie auf Schellackplatten überlebt – und jetzt taucht sie im Internet wieder auf. Ende Mai hat die Library of Congress, die US-amerikanische Nationalbibliothek, die «National Jukebox» aufgeschaltet – eine Online-Sammlung von 10 000 Aufnahmen aus dem Katalog von Victor. Die Rechte gehören heute dem Unterhaltungskonzern Sony, der die Musik der «Jukebox» gratis zur Verfügung stellt, freilich nur als Stream, nicht zum Download. Dafür kann man sich ganz leicht seine eigenen Playlists zusammenstellen.

Der Goldrausch der Pioniere

Wie die Library of Congress verspricht, wird die Sammlung digitalisierter Schellackplatten nun laufend ergänzt. Später im Jahr soll auch die Musik anderer Plattenlabels dazukommen, die heute Sony gehören: Darauf darf man sich umso mehr freuen, als mit Okeh oder Columbia auch solche dabei sind, die für die frühe Blues- und Jazzgeschichte ausserordentlich wichtig waren.

Doch schon jetzt ist die National Jukebox von unschätzbarem Wert, und das nicht nur, weil sie auf Anhieb die grösste Sammlung ihrer Art ist. Wie schon das vergleichbare, aber kleinere Online-Musikarchiv, mit dem die Universität von Santa Barbara, Kalifornien, für Aufsehen gesorgt hat, ermöglicht auch die Jukebox einen umfassenden Blick auf einen vergessenen und verdrängten Teil in der Geschichte der US-amerikanischen Populärmusik. 1877 hatte Thomas Edison die erste Tonaufnahme der Geschichte gemacht, und zur Jahrhundertwende lief dann die Massenproduktion von Platten und Phonographen an.

Wer sich durch die Jukebox klickt, kann den Goldrausch förmlich hören, den die neue Technik damals ausgelöst haben muss. Die Plattenfirmen hatten noch keine genaue Idee davon, was beim Publikum zum Hit werden könnte, und probierten alles Mögliche aus: Opernstars wie Enrico Caruso machten ihre ersten Aufnahmen, aber auch obskure Gesangsquartette. Die Sänger vom Broadway und die Ragtime-Pianisten, die Komiker und die Präsidenten, die sich nun per Schallplatte aus dem Weissen Haus ans Volk wandten.

Und immer wieder begegnet man den Immigranten und ihren Nachkommen, die für die grossstädtische Diaspora sangen: Armeniern und Chinesen, Iren und russischen Juden und auch Fritz Zimmermann, der die Heimwehschweizer mit «De Gaemsjaeger» oder «D’ Meitschi von Emmetal» bediente. Neben viel Skurrilem – so das deutsche Kriegshörspiel «Vorposten an der italienischen Grenze» von 1916 – findet man auch Meilensteine der Musikgeschichte: Der «Livery Stable Blues» der Original Dixieland Jazz Band von 1917 gilt als die erste Jazzaufnahme überhaupt.

Natürlich, diese Aufnahmen klingen für heutige Ohren prekär. Dies war die Ära der mechanischen Tonaufnahme. Die Musiker spielten im Studio in ein langes Rohr, an dessen Ende eine Membran und eine Nadel sassen, welche die Schallwellen auf eine Platte oder einen Zylinder übertrugen. Erst ab 1925 gab es Mikrofone und Verstärker: Geräte, die den Strom nutzen und so den Klang flexibel und geschmeidig machen. Entsprechend rustikal klingen die Platten aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg.

Das rassistische Erbe

Aber das Rauschen und Knacken passt ganz gut zur Unübersichtlichkeit dieser Ursuppe aus Folklorismen und angeeigneten Kunstmusiken, die sich noch nicht zu festen, vermarktbaren Genres verdickt hat. Ja, man kann in diesem Fundus wiederentdeckter Aufnahmen durchaus den Soundtrack zum amerikanischen «Nation Building» hören. Aus diesem trüben Amalgam unterschiedlichster Einflüsse stieg in den 20er- und 30er-Jahren das «Great American Songbook» auf, und damit eine ganze Tradition genuin amerikanischer Populärmusik, die den Broadway mit Blues und Jazz verklammerte.

Die Ursprünge dieser grossen Tradition zu hören, ist nicht immer angenehm. Denn natürlich führen sowohl die National Jukebox als auch die Sammlung digitalisierter Zylinderaufnahmen, welche die Universität von Santa Barbara online gestellt hat, auf direktem Weg zurück in die Minstrel Show. In diesem Variété, der vermutlich populärsten Massenkultur in den USA des 19. Jahrhunderts, belustigte sich das Publikum an Entertainern, die mit geschwärztem Gesicht (dem Blackface) den Slang und die Tanzschritte der Schwarzen karikierten. Ethnische Stereotypen – auch über Iren, Indianer oder Juden – gehörten bis ins 20. Jahrhundert zum Repertoire der Vaudeville-Bühnen, und selbstverständlich sind sie auch auf diesen alten Schellackplatten und Zylindern zu hören.

Die Veteranen der Minstrel-Bühne wurden in nicht wenigen Fällen zu den grössten Stars der neuen Ära. Billy Murray zum Beispiel, der Sohn irischer Einwanderer, der ab 1903 mit politisch unkorrekten Novelty-Songs nicht weniger als 44 Hits hatte (u. a. «If You Talk in Your Sleep, Don’t Mention My Name»). Oder Bert Williams, der am Anfang seiner Karriere in den Minstrel Shows den lustigen Neger gegeben hatte. Im neuen Jahrhundert wurde er zum erfolgreichsten afro-amerikanischen Plattenkünstler vor 1920, und er war der erste Schwarze, der am Broadway eine Hauptrolle sang.

So dokumentieren seine Platten auch eine Ära, die Abschied nahm von der Minstrel Show. Die steckt dieser Musik noch hörbar in den Knochen, aber überall begegnet man schon subtileren Formen des Entertainments. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis das American Songbook blühte, sei dies nun bei Ella Fitzgerald oder bei Frank Sinatra.

Verdrängt von Blues und Folk

Wenn die amerikanische Popmusik des frühen 20. Jahrhunderts so lange im Giftschrank der Plattenindustrie blieb, liegt das auch daran, dass man erst später das kommerzielle Potenzial entdeckte, das in der Wiederveröffentlichung alter Platten steckt. Vor allem aber liegt es an ihren Wurzeln in der rassistischen Minstrel Show – die freilich, lange vor den Theatern und Konzertsälen, ironischerweise auch die erste Profibühne war, auf der schwarze Entertainer auftraten. Trotzdem wäre es etwa in den 60er-Jahren, der Ära der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, undenkbar gewesen, diese Musik herauszubringen.

So ist es kein Zufall, dass in den 60ern der ländliche Folk und Blues zu den Wurzeln der US-Popmusik erklärt wurden. Die puren, aber auch klar stilisierten Weisen aus den Appalachen und dem Mississippi Delta passten besser in die mythologischen Konzepte der Rockgeneration. Nur: Die Plattenfirmen hatten diesen ländlichen Markt erst ab 1925 erschlossen, als für die Aufnahmen kompakte, mobile, mikrofonierte Geräte zur Verfügung standen. Auch hier machte erst das Medium die Botschaft. Aber diesmal war es eine, die auch die Nachwelt noch gerne hören mochte.

Melancholie, zu der man tanzen kann

Delivered... Christoph Fellmann | Scene | Fri 8 Apr 2011 6:35 am

Mit «Abghenkt» haben Manuel Stahlberger und seine Band ein Meisterwerk des Mundartpop eingespielt.

Schönes Wetter heute. Wanderwetter, hat es geheissen, und darum ist die Stadt leer und die Bergbahn voll. Nur der Sänger ist zurückgeblieben und reimt «Tödi» auf «nöd i» und «Pizol» auf «hohl». Und es ist nicht das einzige Lied, in dem er keinen Anteil nimmt an der neuen Heimatlust und überhaupt der Busperkeit des Lebens. Er hat «abghenkt», und darum heisst auch diese Platte so.

«Abghenkt», das zweite Album von Stahlberger aus St. Gallen, ist eine überragende Platte im Schweizer Mundartpop der vergangenen Jahre. Sie wäre es aber nicht, würde Manuel Stahlberger hier nur ein Lebensgefühl breittreten, das wohl auch ein wenig sein eigenes ist; nämlich dieses diffuse Fremdheitsgefühl, das uns auch unter unseresgleichen mitunter beschleicht. Was die Lieder des Mittdreissigers vom üblichen Befindlichkeitspop unterscheidet, das sind der skurrile Wortwitz und der präzise Dialekt. Und das ist neuerdings auch die klubtaugliche Musik, das sind die federnden Grooves und gut gestretchten Bässe der fünfköpfigen Band.

So ein schnittiges Popkleid ist neu für Manuel Stahlberger. Der Mann blickt schliesslich auf eine fünfzehnjährige Karriere auf Kleinkunstbühnen zurück. Er war die eine Hälfte von Mölä & Stahli, deren musikalisches Kabarett 2001 mit dem Prix Walo ausgezeichnet wurde. Seit 2003 tritt er als Stahlbergerheuss zusammen mit Stefan Heuss auf, dem gern gesehenen Bastler bei «Giacobbo/ Müller». Vor zwei Jahren erhielt Stahlberger, dieser «Fixstern der Ostschweizer Kleinkunst», mit dem Salzburger Stier dann den wichtigsten Preis seiner Zunft. Aber da hatte er schon seine erste Popband gegründet.

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Auf «Rägebogesiedlig», dem ersten Album von Stahlberger (2009), fielen zwei Dinge auf. Erstens waren da kaum mehr «die absonderlichsten Geschichten» zu hören, für die Manuel Stahlberger in der Laudatio zum Salzburger Stier eben noch gelobt worden war. Vielmehr fand man sich in alltäglichen Szenen in der Hochhaussiedlung, im Bummelzug oder am Tag der offenen Tür bei der Baggervermietung, die Stahlberger trockenen Worts ins Sonderbare kippen liess. Und zweitens war die Musik zu häufig noch eine begleitende Tonspur und zu selten ein zeitgemässer und selbstbewusster Pop.

«Ich wehre mich überhaupt nicht gegen die Kleinkunst», sagt Manuel Stahlberger: «Aber mit dieser Band war und ist es natürlich ein Thema, eher davon wegzukommen und mehr in den Musikklubs zu spielen.» Tatsächlich ist die Band auf der letzten Tournee mit rund 60 Konzerten zu einem potenten, agilen Ensemble gereift. Und die Texte sind auf «Abghenkt» so gut wie nie mehr auf eine Pointe gedrechselt. «Was dies betrifft, ist die Band eine riesige Erleichterung», sagt Stahlberger: «Für die Kabarettbühne musste ich ein Bild oder eine Beobachtung in eine Geschichte einpassen, damit es funktionierte. Jetzt kann ich es auch einfach mal stehen lassen und darauf vertrauen, dass zusammen mit der Musik ein stimmiger, dichter Song entsteht. Das ist für mich ein neues, aber ein sehr gutes Gefühl.»

Heimelige Alltäglichkeit

So ist «Stausee», einer der stärksten Songs auf dem neuen Album, mehr ein Zustand als eine Geschichte: Erzählt wird lediglich, wie ein Plastiksack langsam in ein Dorf hinabsinkt, das vor langer Zeit in einem Stausee ertrunken ist. Die Musik ist ein verwaschener, trüber Elektro. In «Baron» hat die Zeit, nun zu sprudliger Discomusik, ebenfalls in einem einzigen Bild angehalten: Im Kostümfest einer seltsamen Avantgarde, verlocht und vergessen bis in alle Ewigkeit in einer illegalen Bar.

Diese Lieder erschliessen sich nicht restlos, und aus ihnen spricht eine Befangenheit, die den Teufel tut, sich in einer Pointe aufzulösen. «Mier läsed ime Buech vomene Schwiizer Autor», heisst es im ersten Stück: «Aber mir verlüüred üs uf jedere Site / I de Buechstabe, und mir wöred gern zahle bitte.» Das Lied heisst «Heimat», und es schafft das Kunststück, jeden Begriff von Heimat aufzulösen – und doch mit vielen Details ganz konkret anzuheimeln.

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Tatsächlich hört man im Mundartpop von Stahlberger keine internationalen Pop-Plattitüden, halt umgetopft ins bluemete Trögli des Dialekts. Von der Schweiz wird hier in fein beobachteten Szenen erzählt. Die Menschen trinken eine Stange, sagen «Merci» und «Gsundheit», fahren ins Tessin und essen im Zugabteil ihre Rohkost. Heimelig ist das vor allem in seiner Alltäglichkeit und Langeweile, und spätestens, wenn man das merkt, sind einem diese Lieder auch etwas unheimlich geworden. Auch, weil Manuel Stahlberger sie in einem leise erstaunten Sprechgesang vorträgt, so, als sei er von seiner Umgebung und seinen Landsleuten tatsächlich «abghenkt» – aber nicht aus Überlegenheit. Vielmehr aus Befremdung.

Er habe schon sein ganzes Leben lang die Dinge genau beobachtet, erzählt Manuel Stahlberger, der nicht nur Musiker und Kabarettist ist, sondern auch Comic-Zeichner. Er habe so gut wie sein ganzes Leben in St. Gallen verbracht. Die Heimat, an die er sich in all diesen Jahren gewöhnt hat, beschreibt er als eine sehr beschützte: «Aber weil die grossen Probleme woanders sind, pflegt man in der Deutschschweiz die kleinen. So werden sie schnell gross, und dann weist man sie weg. Diese Hutzelpunks in St. Gallen zum Beispiel, die sind ja das Gegenteil von gefährlich.»

Verzweifeln an der Regenhaube

Vielleicht ist es darum das Talent einiger der grössten Schweizer Künstler, Nichtigkeiten so lange weiterzudenken, bis sie von existenzieller Tragweite sind. Mani Matter konnte das wie kein anderer, aber auch der Kabarettist Joachim Rittmeyer (den Stahlberger sehr schätzt) lässt seine Figuren an einer Regenhaube verzweifeln oder an einem Trennstab an der Migros-Kasse. Zu diesen melancholischen Humoristen hiesiger Beschaulichkeit gesellt sich mit «Abghenkt» auch Manuel Stahlberger. Dass man bei ihm tanzen kann, macht sein Album noch besser.

«Es ist ja schön, beschützt zu leben», sagt Stahlberger, «aber irgendwann merkt man, dass das nicht reicht, und dann wird einem die eigene Umgebung fremd.» Vielleicht auf diese Weise reift diese typische Schweizer Melancholie, bei der man nie so genau weiss, warum man eigentlich traurig ist. Aber die Alternative ist bestimmt nicht besser: «Andere finden irgendeinen äusseren Feind, der daran schuld ist, dass sie innerlich nicht zur Ruhe kommen.» Oder sie suchen sich eine Ersatzheimat im Mundartpop, am Schwingfest und in den Bergen. Vorausgesetzt natürlich, es herrscht Wanderwetter.

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